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Der Heilige Martin – ein „leuchtendes“ Vorbild
Religionspädagoge Dr. Siegfried Meier vom Institut für Religionspädagogik und Medienarbeit im Erzbistum Paderborn (IRUM) zum Martins-Brauchtum

Erzbistum Paderborn, 8. November 2013. Jedes Jahr am 11. November ziehen viele Kinder zu Ehren des Heiligen Martin mit ihren Laternen durch die Straßen. Der Chef der nordrhein-westfälischen LINKEN, Rüdiger Sagel, kritisierte diesen Brauch Anfang dieser Woche scharf, da Kinder nicht-katholischen Glaubens durch den Brauch diskriminiert würden. Dr. Siegfried Meier, Leiter des Referats Religionspädagogik im Institut für Religionspädagogik und Medienarbeit im Erzbistum Paderborn (IRUM) betont im Interview, dass der Martinsumzug auf weit mehr als nur auf hell strahlenden Laternen beruht: Der Heilige Martin selbst sei mit seiner Persönlichkeit in vielerlei Hinsicht ein „leuchtendes“ Vorbild – und das überkonfessionell.

Herr Dr. Meier, wie stehen Sie zum Ansinnen des NRW-Chefs der „LINKEN“, der dafür plädiert, das Martinsfest in eine Lichterfeier ohne Bezug zum Heiligen Martin von Tours umzuwandeln?

Dr. Siegfried Meier: Zunächst einmal sollte an dieser Stelle betont werden, dass die Kritik am Martinsbrauchtum von Herrn Sagel nicht die repräsentative Meinung der „LINKEN“ darstellt. Dass gerade ein Vertreter der LINKEN dieses besondere Fest kritisiert, entbehrt meines Erachtens jeder Logik. Im Kern des Martinsbrauchtums steht doch eine Botschaft, die vom Teilen mit den Schwachen handelt. Was kann man dagegen haben, erst recht als Mitglied einer Partei, die von sich behauptet, die Stimme der sozial Schwachen zu sein?

Gerne erinnere ich daran: Auf den Dörfern feierte man früher den Martinstag als Abschluss des Erntejahres. Solche Feiern waren gerade für arme Menschen eine Chance, etwas vom reich gedeckten Tisch der anderen zu erhalten. Vielleicht hat sogar das Martinssingen der Kinder, die dafür mit kleinen Gaben belohnt werden, dort seinen Ursprung. Im Brauchtum der Martinsspiele und Umzüge und des anschließenden Teilens von Martinshörnchen wird bis heute etwas von der Freude des Teilens wach gehalten.


Laut Argumentation des nordrhein-westfälischen LINKEN-Chefs spielt der christliche Glaube in unserer Gesellschaft keine tragende Rolle mehr und dürfe daher andere Weltreligionen oder atheistische Positionen nicht vereinnahmen.

Dr. Siegfried Meier: Unabhängig von der Konfession lässt sich über eine Idee, wie in diesem Fall die Empathie für den Armen und Schwachen, am besten mit einem Lebensbeispiel reden. Martin ist die Verbildlichung eines Programms. An seiner im Brauchtum wach gehaltenen Geschichte können schon Kinder ablesen, was die ethische Forderung des Teilens auf die Spitze treibt. Der evangelische Theologe Walter Nigg kennzeichnet den Heiligen des 4. Jahrhunderts prägnant: Martin – die Hälfte gehört dem anderen! Dieser ethische Grundsatz hat für den Heiligen Martin seinen Grund in der Heiligen Schrift. Nicht von ungefähr endet das Martinsspiel mit einem Satz aus dem Matthäusevangelium. In der Nacht nach der Mantelteilung, so erzählt die Legende, erscheint Christus dem Martin. Er hat das Gesicht des Bettlers angenommen und spricht: Martin, was du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan. Sie sehen, dass hier eine Person aus der Geschichte des Christentums sozialkritisch aufrüttelt und gleichzeitig emotionale Wärme ausstrahlt. Eine bloße Lichterfeier – ohne inhaltliche-biographische Anbindung – bliebe daher blass und substanzlos.


Also ist das Martins-Fest ein urchristliches Fest!

Dr. Siegfried Meier: Richtig – aber keines, das andere ausschließt! Im Gegenteil. Alle sind willkommen, mitzufeiern, denn Menschen wie Martin stehen sinnbildlich für das Gute in der Welt, konkretisieren, was es meint, Licht und Wärme in die Welt zu bringen. Unsere Gesellschaft braucht solche Beispiele des Humanen, um einen gemeinsamen Wertekonsens zu festigen und weiter zu entwickeln. Und das Ringen um einen gemeinsamen Wertkonsens wird doch umso wichtiger, je unterschiedlicher die Klangfarben aus den verschiedenen Konfessionen und Religionen in unserer Gesellschaft aufleuchten, die jede für sich genommen wertvoll ist und Respekt verdient.


Das religionspädagogische Institut „IRUM“, in dem Sie arbeiten, spricht mit seinem Fortbildungs-, Literatur- und Medienangeboten unter anderem Erzieherinnen sowie Lehrerinnen und Lehrer an. Ihre Arbeit will immer auch das Lernen in den Kindertagesstätten und Schulen unterstützen. Was können wir von Martin lernen?


Dr. Siegfried Meier: Sehr viel! Ein Freund des Heiligen Martin, der gebildete Sulpicius Serverus, begann zu seinen Lebzeiten das „Leben des heiligen Martin“ aufzuschreiben: Was wir dank dieses Textzeugnisses von ihm wissen, war und ist begeisternd und wert, gelehrt und „gelernt“ zu werden. Vom Lernen des Teilens habe ich bereits gesprochen. Ich greife noch ein anderes Lernfeld heraus: seine sich immer stärker entwickelnde Liebe zur Gewaltlosigkeit. Ein weiteres Beispiel ist seine Bescheidenheit, die in der Legende von den Gänsen zum Ausdruck kommt: Martin versteckt sich bei den Gänsen, weil er nicht zum Bischof gewählt werden will, doch die Gänse „verraten“ ihn durch ihr Schnattern und führen ihn so zu seiner Berufung. Seine Bescheidenheit zeigt sich auch darin, dass er auch nach seiner Bischofsweihe ein Leben lang Mönch blieb und vor den Toren der Stadt mit ein paar anderen Mönchen „in armseligen Holzhütten“ lebte.

Und etwas ist uns Paderbornern besonders wichtig: Es heißt, dass der Heilige Martin und „unser“ Liborius, der damals Bischof von Le Mans war, in einer lebenslangen Freundschaft verbunden waren. Martin war am Sterbebett des Heiligen Liborius für seinen Freund da und spendete ihm die Krankensalbung.

In diesem Sinn ist der Heilige Martin eine in vielerlei Hinsicht inspirierende Persönlichkeit. Der Martinszug mit leuchtenden Laternen sowie das Martinsspiel wecken emotionale und empathische Kräfte in vielen Kinderherzen und bauen – so sagen wir Religionspädagogen – ein positives Erinnerungspotential bis ins Erwachsenenalter auf.


Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Dr. Meier.


Das Gespräch führte Maria Aßhauer, Presse- und Informationsstelle im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn.

Quelle: Erzbistum Paderborn

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